Vollgas mit Volltexten. Wie Wissenschaftsverlage und KI-Anbieter die Recherche-Infrastruktur neu bauen.
Vor zwei Wochen hab ich geschrieben: "KI-Recherche-Tools werfen mit Millionen Dollar, riesigen Kooperations-Verträgen und Dutzenden neuen Features um sich - und in Deutschland scheint's keiner zu merken."
Ich habe am Beispiel von Consensus gezeigt, dass die Recherche-Infrastruktur gerade ganz neu gebaut wird, denn die KI-Anbieter kooperieren zunehmend mit großen Wissenschaftsverlagen und integrieren Millionen Volltexte in ihre Datenbanken.
Ein neuer Deal: EBSCO und Perplexity
Jetzt liegt ein weiterer Kooperationsvertrag auf dem Tisch und wieder hat's kaum einer gemerkt. EBSCO arbeitet fortan mit Perplexity zusammen ( Link). Perplexity erhält dadurch Zugang zu tausenden wissenschaftlichen Zeitschriften und Millionen Volltexten, die sonst hinter Bezahlschranken liegen bzw. für viel Geld von Hochschulen gekauft werden.

Wer Fachdatenbanken nutzt, ist vielleicht schon mal auf EBSCOhost gestoßen, das ist die Rechercheplattform von EBSCO. Allerdings nutzt nur ein kleiner Bruchteil der Studierenden (und Lehrenden) Fachdatenbanken. Vielleicht ist der Deal auch deshalb untergegangen.
Aber wie dem auch sei, mit der Partnerschaft erhält Perplexity nicht einfach nur mehr Quellen, sondern Zugang zu dem, was EBSCO einen „truth layer" nennt: eine "Wahrheitsebene", die sich aus riesigen kuratierten Wissensbeständen speist, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden.
Auch diese neue Partnerschaft dreht sich um Volltexte. Kein Wunder, denn der Zugang zu lizenzierten Volltexten war für die KI-Tools außerhalb von Open Access bisher schwer bis unmöglich. Oft blieben nur Abstracts und Metadaten für die Analyse.
Die bisherige Frage: "Welche Datenbank hat die meisten Papers?" wird so zunehmend irrelevanter. Wichtiger wird dagegen die Frage: "Welches KI-System hat den besten Zugriff auf lizenzierte Volltexte und kann sie nachvollziehbar auswerten?"
Die eigentliche Verschiebung: Bewerten statt Finden
Denn das ist eine der großen Verschiebungen, die KI mit sich gebracht hat:
Nicht mehr das Finden, sondern das Bewerten von Informationen wird entscheidend. Dazu aber muss man die Datenbestände kennen. Ich selbst habe Perplexity eher wenig genutzt, weil mich die Leistungsdaten nicht überzeugt hatten ( Link). Gut möglich, dass es jetzt anders ist.
Ach ja, auch EBSCO bietet für seine Fachdatenbanken inzwischen eine Suche in natürlicher Sprache. Wozu also die Kooperation mit Perplexity? Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Fachdatenbanken zu wenig genutzt werden. Wenn man als Anbieter sichtbar sein will, muss dorthin gehen, wo die Leute sind - und viele sind bei Perplexity, das sich erfolgreich als Wissenschafts-KI vermarktet.
Auch andere Tools docken sich an
Dasselbe passiert eine Ebene "höher": Recherche-Tools wie Consensus und Scite integrieren sich als Apps und Konnektoren in ChatGPT und Claude. Die Logik ist dieselbe: Man geht dorthin, wo die Nutzer sind. Und so verknüpft und verdrahtet sich alles neu. Und kaum einer merkt's...
Bild: stocksnap.io


