Warum viele deutsche Hochschulen bei der KI-Praxis versagen - und einige nicht.
Montag:
Der Professor einer Forschungsgruppe hat bei mir ein Webinar zur KI-Recherche für seine fünf wissenschaftlichen Mitarbeiter gebucht. Er will, dass seine Leute "KI fit" werden. Er selbst fühlt sich "sehr fit" im Thema. Er entschuldigt sich deshalb schon im Voraus, dass er nur kurz dabei sein werde, er habe Termine. Nach 20 Minuten ist er immer noch da. Nach einer Stunde auch. Er ist voll bei der Sache, stellt Fragen, schreibt mit. Die Termine scheinen auf wundersame Weise verschwunden. Nach 90 Minuten sagt er: "Ich habe unglaublich viel gelernt." Es ist schön, wenn die Realität die Vorannahme überholt.
Deutsche Hochschulen zögern bei KI-Zugängen
Mittwoch:
Bibliothekare haben mich eingeladen, über generelle Veränderungen bei der Recherche durch KI zu referieren. Ich erkläre die Verwerfungen, zeige an Daten, wo und wie Studis und Forscher recherchieren (und vor allem: wo nicht) und präsentiere KI-Recherchetools. Viele bieten institutionelle Zugänge über die Unibibos, um Volltexte hinter Paywalls, die die Bibos durch ihre Lizenzen bezahlen, freizuschalten. Dazu müssen die Unis nur einen Vertrag mit den Tool-Anbietern machen.
Weltweit sind schon hunderte Unis dabei. Aus Deutschland sind kaum welche vertreten. Das ist verrückt: Die Zusatzkosten für die Anbindung ans KI-Tool sind gering, der Gewinn für Studis und Forscher massiv. Warum das nicht gemacht wird? Fehlendes Wissen und - siehe Donnerstag.
Testlizenzen scheitern an der Verwaltung
Donnerstag:
Ich habe für eine Hochschule Testlizenzen für ein KI-Tool besorgt. Ich habe das Tool oft in meinen Workshops gezeigt und mit den Entwicklern gesprochen, die mir - obwohl sie in Dtl. sitzen und alles 100% DSGVO konform ist - sagen: "Wir kommen an die Hochschulen nicht ran. Wir schreiben Mails, aber es antwortet keiner. Es funktioniert nur von unten, wenn ein paar das Tool nutzen und es gut finden, kauft vielleicht das ganze Institut eine Lizenz."
Für jemand wie mich, der als Externer an Hochschulen geht, ist es zum Haare raufen, wie wenig flexibel man beim Thema KI ist, wie wenig Eigeninitiative gefördert wird. Egal. Ich habe den Kontakt hergestellt, die Testlizenzen wurden über "kurze Dienstwege" besorgt, die Wissenschaftler testen seit einer Weile und die Entwickler bekommen Feedback. Win-win, würde man denken.
Nun wollen einige an der Hochschule den Test ausdehnen und paar Lizenzen kaufen. Aber die Verwaltung sagt: "Nein, wozu braucht ihr das?" Der Datenschutz ist auch skeptisch, ohne sich mit dem Tool befasst zu haben, und die Unileitung hilft auch nicht. Sie hat ohnehin wenig Ahnung von praktischer KI-Bildung, dafür aber eine neue KI-Richtlinie erlassen, die so weit an der Realität vorbeigeht, dass sie in einem Paralleluniversum geschrieben worden sein muss.
So sieht es leider an vielen Hochschulen aus: Pioniergeist wird nicht ermöglicht, sondern zum Problem gemacht. Es ist im Grunde wie immer: Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Bild: ich, so gar nicht verzweifelt :)


