Zustimmung und ein großes ABER zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats über „Intellektuelle Souveränität. Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten von generativer KI".
Vorab: Der Bericht ( Link) ist gut, ausführlich und differenziert. Ich gehe in vielen Punkten mit, z.B.
- intellektuelle Souveränität als Leitidee verankern und KI-Kompetenzen für alle Hochschulangehörigen systematisch aufbauen
- erkennen, dass KI eine grundlegende (bzw. grundstürzende) Veränderung der Wissenschaft und des gesamten wissenschaftlichen Arbeitens ist
- Prüfungsformat KI-robust machen. Wobei ich sagen würde, dass die Hochschulen ihre Studiengänge besser grundlegend neu bauen
- KI-freie Phasen und Räume schaffen
- Studierenden zeigen, dass KI kein short-cut zu Bildung ist

Fußnote 63: Das Beispiel Australien
So weit, so gut. Aber dann bin ich über Fußnote 63 gestolpert...
In Fußnote 63 (und dann nochmal in Nr. 68) zitiert der Wissenschaftsrat die australischen Forscher Corbin und Dawson vom Centre for Research in Assessment and Digital Learning. Dort forschen sie seit Jahren zum Einfluss von KI auf Studium & Prüfungen und haben zusammen mit anderen KI systematisch in die austr. Hochschulen integriert. Es ist (soweit ich weiß) das national am weitesten fortgeschrittene Programm zur Implementierung von KI in die Hochschulen. Es verlief bisher in 4 Schritten.
- Schon 2023 war den Australiern klar, dass KI-Verbote zwecklos sind und Hochschulen ihre Prüfungen reformieren müssen
- 2024 mussten alle austr. Hochschulen einen Aktionsplan zu KI liefern.
- 2025 begann der strukturelle Umbau der Hochschulen in Richtung KI: neue Curricula, KI-robuste bzw. KI-sichere Prüfungen usw., dazu Datenerhebungen und Umfragen aller Beteiligten.
- Seit 2026 werden die nötigen Kompetenzen der Studis noch stärker in Richtung KI ausgerichtet.
In diesem Prozess sind viele Erfahrungen und Daten gesammelt worden. Das Problem: Der Bericht des Wissenschaftsrates nennt - zumindest explizit - nichts davon. Die ambitionierteste Umgestaltung einer nationalen Hochschullandschaft ist leider nur ein Fußnotenverweis ohne Praxisbezug.
Dabei kann man aus den Schritten 1-4 viele Erkenntnisse gewinnen. Aber der Wissenschaftsrat empfiehlt im Grunde für Deutschland erstmal Schritt eins, ohne zu sagen, dass man Gewinne, Kosten und Nebenwirkungen der Schritte 2-4 woanders schon nachlesen kann.
Der Blick nach Großbritannien
Neben den Daten aus Australien gibt es auch valide Erkenntnisse aus GB. Dort befragt man jedes Jahr Studierende, wie sie KI nutzen und entwickelt Leitlinien aus ihrem tatsächlichen Verhalten.
Hier würde ich mir vom Wissenschaftsrat bzw. den deutschen Hochschulen mehr konkret-praktischen Daten- und Erfahrungsaustausch wünschen. Leider hängen wir in Deutschland noch zu sehr in nationalen Denkmustern fest. Man kennt zwar internationale Debatten, zitiert ein Paper. Aber die konkrete Praxis, d.h. wie andere Systeme ihre Studiengänge und Prüfungen umbauen, was für Lehrende und Studis funktioniert und was nicht, was all das fachlich, epistemisch usw. kostet, schauen wir uns zu selten an.


