Von Affen, Aversionen und Abschlussarbeiten.
Es gibt für mich beim Arbeiten nicht viel Schöneres als wenn jemand sagt: "Zu diesem Thema werden Sie nicht viel finden. Da gibt's fast keine Literatur."
"Challenge accepted", sage ich dann innerlich - und los geht's.
Bisher habe ich bzw. die von mir betreuten Studenten noch immer genug Literatur gefunden. Oft waren es keine Studien in Peer-Review-Journals, sondern Abschlussarbeiten und Dissertationen, die die entscheidenden Daten lieferten. Und genau da beginnt das Problem.
Warum Abschlussarbeiten nicht als Quelle gelten
Das heißt, für viele Dozenten bzw. Hochschulen hört es da bereits wieder auf, denn für sie sind Bachelor- und Masterarbeiten keine valide wissenschaftliche Quelle. Als würde sich der Wert einer Quelle nur aus ihr selbst heraus bestimmen und nicht auch und vor allem durch den wissenschaftlichen Blick auf sie. Oder wie Umberto Eco schrieb, nachdem er in den 1950er Jahren angefangen hatte, sich mit Massenkultur und Comics zu befassen und darüber ein Buch schrieb: "Als das Buch erschien, meinte ein italienischer Rezensent [...] ich hätte ungebührlich 'feine' Mittel zur Untersuchung frivoler Gegenstände benutzt. Als ob man bei der Erforschung von Affen wie Affen gestikulieren und nicht wie Darwin sprechen sollte".
Viele haben dieses Denken noch immer nicht überwunden. Manche Unis erklären in ihren Ordnungen, dass Abschlussarbeiten generell nicht zitierwürdig sind. Das ist irre. Ein Studi findet eine Arbeit mit passenden Daten, will sie sauber analysieren - und darf nicht.
Dabei sind Abschlussarbeiten oft sehr aktuell, haben hochspezifische Daten und methodische Tiefe. Zumal meist nur die besten Abschlussarbeiten publiziert werden.
Wissenschaftliche Blindstellen bei Dissertationen und Repositorien
Auch viele Doktorarbeiten sind unsichtbar. Fast die Hälfte bleibt dauerhaft unzitiert. Parallel dazu sinkt der Anteil, den Dissertationen am gesamten Zitationsaufkommen haben, seit Jahren - trotz Digitalisierung. ( Link) Bei kumulativen Dissertationen ist es anders ( Link), aber im Grunde zeigt das nur das Problem, denn die werden als Sammlung von Studien betrachtet.
Zur Dünkelhaftigkeit kommt Unwissen. Ba-, Ma- und Doktorarbeiten liegen meist auf Repositorien. Aber da schaut kaum einer nach.
Wenn ich meine Studis auf BASE und andere Repositorien lotse, finden sie oft sehr gute Arbeiten - passgenau, aktuell, mit Daten, die es sonst nirgends gibt. Und dann kommt der Satz vom Dozenten: "Nicht zitierfähig."
Kein Wunder, wenn es dann heißt: "Zu diesem Thema werden Sie nicht viel finden. Da gibt's fast keine Literatur."
Ich wünschte, wir würden Arbeiten nicht nach ihrem formalen Namen, sondern nach ihrem Inhalt bewerten. Bei KI-Systemen regen wir uns auf, dass ihre positivistische Logik die Großen noch größer und die Kleinen noch unsichtbarer macht, dass es eine publication bias gibt, bei der randständige Arbeiten, graue Literatur und nischige Themen eher untergehen. Aber im Grunde ist das nur ein Spiegel unserer eigenen Wissenschaftsgeschichte.

Abb.: Larivière et al.: The declining scientific impact of theses (2007)


