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Die Romantisierung hat begonnen: Wie Hochschulen sich die Vor-KI-Zeit schönreden.

7. Juli 2026 · 493 Wörter · Danny Walther

Es gibt eine neue, weit verbreitete Klage, die besagt, KI nehme den Studierenden das Ringen um Präzision, die Mühen der eigenen Recherche, die Erfahrung der Langsamkeit beim Schreiben. Kluge Sätze, aber komplett an der Realität vorbei. Denn sie tun so, als hätte es das jemals gegeben.

Recherche vor KI war schon immer mangelhaft

Fangen wir mit der Recherche an, um die jetzt so getrauert wird. Die Realität sah bis zum Aufkommen von KI so aus: der erste Google-Treffer wurde genommen, das Literaturverzeichnis von Wikipedia abgeschrieben, dazu drei Titel aus dem Seminarapparat, fertig.

Fachdatenbanken? Nie genutzt.

Repositorien? Nie gehört.

Citation Tracking: Nie gemacht.

Die Mängel in der Informationskompetenz waren seit Jahrzehnten bekannt und spätestens seit der BMBF-Studie „Nutzung elektronischer wissenschaftlicher Information in der Hochschulausbildung" 2001 aktenkundig ( Link). Denn sie zeigte, dass Studierende eine unsystematische, dem Zufall überlassene, autodidaktisch zusammengewurschtelte Informationskompetenz haben. Falls man sowas Kompetenz nennen wollte. Oder wie es in der Studie auf S. 20 heißt: "Die Vermittlung von Informationskompetenz bei Hochschullehrenden wie bei Studierenden findet nicht in der Lehre statt, sondern erfolgt autodidaktisch. Information Literacy und Lehre, das sind zwei getrennte ‚Welten‘. [...] Während die überwiegende Mehrheit der Hochschullehrenden für einführende (57,0 %) Informationskompetenz-Lehrveranstaltungen der Fakultät oder der Universität plädiert, erwirbt nur jede/r achte Studierende diese Kompetenz in solchen Einführungsveranstaltungen."

Titelblatt des Endberichts „Nutzung elektronischer wissenschaftlicher Information in der Hochschulausbildung – Barrieren und Potenziale der innovativen Mediennutzung im Lernalltag der Hochschulen“ von Rüdiger Klatt, Konstantin Gavriilidis, Kirsten Kleinsimlinghaus, Maresa Feldmann u. a., Dortmund, August 2001, eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
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Wobei die Pointe darin bestand, dass es bei den meisten Lehrenden nicht besser aussah. Das hing zusammen. Die einen hatten das Recherchieren nie gelernt und konnten es den anderen deshalb auch nicht beibringen.

Schreiben wurde an Hochschulen nie gelehrt

Und das Schreiben? Wurde an Hochschulen schlicht nicht gelehrt. Es war ein Abfallprodukt. Mit Glück gab's einen 90-minütigen Kurs, in dem ein Dozent ein Handout zur Zitierweise verteilte - und damit gut. Viel Glück mit der Hausarbeit!

Wer schreiben konnte, hatte es vorher schon drauf. Oder hat es in extracurricularen Kursen erlernt. Eigentlich ist Schreiben ein Erkenntnisprozess, aber für die meisten gab es nur die Erkenntnis, dass es ein Krampf war.

Ein erfundenes goldenes Zeitalter

Wenn es also gerade heißt, KI nehme den Studis das Ringen um die Worte und raube ihnen die tiefe und breite Suche nach Literatur, dann ist das Geschichtsklitterung in Echtzeit. Es wird ein goldenes Zeitalter des intensiv recherchierenden, denkenden und schreibenden Studis erfunden, das KI angeblich beendet hat. Dieses Zeitalter hat es nie gegeben. Es wurde empirisch schon vor 25 Jahren für tot erklärt. Wir trauern um etwas, das es nie gab, und die größte Trauer kommt ausgerechnet von den Institutionen, die es versäumt haben, es aufzubauen: den Hochschulen.

Sagen wir es also gerade heraus: KI zerstört weder die Schreib- noch die Recherchekompetenz, denn es gab keine. KI ist das Röntgenbild, das den Bruch zeigt, die Lücke, die seit Jahrzehnten da ist.

KI wird diese Lücke nicht schließen. Im Gegenteil, ohne fundierte Bildung werden die Mängel noch weiter wachsen. Es ist Zeit, KI-Bildung mit grundständiger Informationskompetenz zu verbinden und sie flächendeckend in die Curricula zu integrieren. Alles andere ist Romantik. Und die war schon immer die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat. Nur wussten die Romantiker damals wenigstens, dass sie dichten.