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Künstliche Intelligenz, (Tipp-)Fehler und Geschichte.

9. Juli 2026 · 587 Wörter · Danny Walther

Gerade geistert ein Gedanke durch die Medien, LinkedIn- und KI-Bubbles: Er besagt, dass in einer Welt glattgebügelter KI-Texte der Tippfehler ein Echtheitssignal ist. Authentizität via Error, sozusagen. Manche bauen in ihre Texte sogar absichtlich Fehler ein, um zu zeigen: "Hier schreibt ein Mensch."

Seltsamerweise hat noch niemand diesen Modus auf seine historischen Parallelen untersucht, was vielleicht daran liegt, dass die meisten mit ihren Nabelschnuraugen an der Gegenwart festhängen. Oder daran, dass wir Deutschen zwar gut darin sind, "die Geschichte" zu beschwören, es dabei aber meist bei dunklem Geraune bleibt. Sobald es konkret wird, geht den Geschichtsvergleichen schnell die (heiße) Luft aus. Dabei ließe sich genau hier, beim Fehler-Mensch-Diskurs, einiges lernen. Und zwar von der Bakteriologie. Die stieg Ende des 19. Jahrhunderts zur neuen (medizinischen) Leitwissenschaft auf und baute ihren Anspruch auf Wahrheit auch und gerade auf die Fotografie.

Robert Koch und der Fehler als Echtheitsbeweis

Einer der ersten, der Fotos von Bakterien veröffentlichte, war Robert Koch, der damit Ende der 1870er Jahre begann. Bis dahin waren Bakterien gezeichnet worden. Mit dem Effekt, dass die Zeichner - von denen viele einen künstlerischen Anspruch hatten - ihre Bilder glätteten und idealisierten.

Koch machte das nicht. Er verzichtete bewusst auf jede Retusche und publizierte fehlerhafte Aufnahmen, inklusive Kratzer, Unschärfen und schlechter Belichtung, um die Echtheit zu unterstreichen. Der Fehler wurde zum Echtheitsausweis - 150 Jahre vor KI.

Koch beschrieb seinen Anspruch an die Bilder ausführlich in seiner Studie: Zur Untersuchung von pathogenen Organismen (1881, Link via archive.org). Dort heißt es auf S. 38f.:

Titelblatt der Schrift „Zur Untersuchung von pathogenen Organismen“ von Regierungsrath Dr. Robert Koch (1881), Separat-Abdruck aus den Mittheilungen des Kaiserlichen Gesundheits-Amtes, Band I.
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"Bei der Vorbereitung für den Lichtdruck, die in Entfernung des Negativlacks und Uebertragung des Negativs auf Gelatinefolie bestand, sind manche Negative beschädigt, einzelne haben auch an der ursprünglichen Schärfe etwas eingebüsst. Diese und andere Fehler, die beim photographischen Verfahren niemals ganz zu vermeiden sind und vom Fach-Photographen durch Retouche verbessert werden, zu beseitigen, habe ich mit Absicht vermieden. An sämmtlichen Bildern ist auch nicht der allergeringste verbessernde oder sonstwie abändernde Eingriff vorgenommen; sie entbehren jeder Art von Retouche und geben das unverfälschte und vollkommen naturgetreue Bild der Objecte wieder. Ich muss deswegen den Beschauer bitten, die hier und da, namentlich an den Ecken und Rändern der Bilder befindlichen Streifen, Flecken u. s. w., die sich übrigens immer leicht als nicht zum eigentlichen Bilde gehörig erkennen lassen, übersehen oder wenigstens für einen Beweis des rein objectiven Charakters der Bilder nehmen zu wollen."

Der Rollentausch zwischen Mensch und Maschine

Eine Sache aber hat sich umgekehrt. Bei Koch bewies der Makel die Abwesenheit der menschlichen Hand. Kein Mensch hatte idealisierend eingegriffen, die Natur hatte sich laut Koch "selbst gezeichnet".

Beim heutigen Tippfehler beweist der Makel dagegen die Anwesenheit der menschlichen Hand: Keine Maschine hat geglättet.

Man könnte sagen, dass es einen Seitenwechsel gegeben hat. Früher war der Mensch der "Fälscher". Heute ist es die Maschine.

Warum Koch trotzdem zur Zeichnung zurückkehrte

Übrigens kehrte Koch trotz Fotografien wiederholt zur Zeichnung zurück. Vor allem dann, wenn es um die populäre Vermittlung jener bakteriologischen Erkenntnisse ging, die für die Medizin und die Menschen damals in gewisser Weise so grundstürzend waren wie KI in vielen Bereichen heute. Koch folgte dabei einer einfachen Logik: Die Fotografien waren nur schwarz-weiß, bestimmte Strukturen und Schichten für das ungeübte Auge dadurch nur schwer sichtbar. Wenn das bakteriologische Bild nicht beweisen, sondern verständlich machen sollte, war die "sauberere" Darstellung im Vorteil.

Es zeigt sich einmal mehr: Im Grunde ist jede Geschichte Rezeptionsgeschichte. Die Suche nach Tippfehlern bzw. das Einbauen derselben ist langweilig, interessanter ist vielmehr die Frage: Was soll der Text leisten, was ist seine Zielgruppe? Der Wert des Fehlers hängt an seiner Aufgabe und daran, was wir damit verbinden. Und sei es auch nur eine kleine (Wissenschafts-)Geschichte.