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Von den Lügen, die wir uns im KI-Zeitalter übers Menschsein erzählen oder "KI macht alles seelenlos!" Warum uns dieser Satz so gut gefällt - und was er eigentlich sagt

4. Januar 2026 · 433 Wörter · Danny Walther

Jeder kennt das: Man entdeckt eine Band, die kaum einer kennt. Die Abrufzahlen ihrer Songs liegen auf Meeresspiegelniveau, Auftritte gibt's keine, und im Radio wird ihre Musik auch nicht gespielt. Aber geil sind die Songs trotzdem. Oder vielleicht gerade deswegen. Jedenfalls: man liebt diese Band.

Doch dann passiert's: Die Band wird bekannt. Die Abrufzahlen steigen, es gibt Auftritte, die Radiosender gehen in heavy rotation. Es gibt neue Platten, eine Tour, die ausverkauft ist. Und geradezu reflexhaft sagt man: „Früher waren sie besser. Ihre Musik ist jetzt zu glatt. Seelenlos.“

Die Psychologen kennen das Muster: Wenn ein Teil der eigenen Identität seine Exklusivität verliert, reagieren viele mit Abwertung. Und da ist es egal, ob sich die Sache (hier: die Musik) wirklich verändert hat, denn was zählt ist, dass sich die Funktion verändert hat. Nicht mehr Ich, sondern alle hören das jetzt. Und da steigt man aus.

Wie sich die Kränkung auf KI überträgt

„Kränkung“ nennt man das. Und genau dieser Mechanismus taucht im Zuge von KI wieder auf. Vor allem wenn es ums Schreiben, Musik machen und Zeichnen geht. Bisher brauchte man – zumindest besagte das die Meistererzählung – dafür viel Zeit, Muse und Kreativität.

Buchcover: Rüdiger Safranski, „Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ (Hanser) mit der Illustration eines Gehirns vor blauem Binärcode und dem Aufkleber „SPIEGEL Bestseller“.
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Doch dank KI steht die Tür zum Kunstraum allen offen. Und alle kommen rein. Und malen und zeichnen und machen Musik. Das gefällt vor allem den Schreibern, Musikern, Malern & anderen Kreativen nicht. Was völlig verständlich ist, aber nichts an der Sache ändert: man ist gekränkt.

Aber man sagt nicht: die Akkorde der KI-Songs sind schlechter, die Kontraste der Bilder nicht fein abgestimmt, die Adjektive nicht gut gewählt. Nein, man sagt: es fehlt die Seele. Das Raue, Kantige: die Authentizität. Aber eigentlich sagt man: Ich bin nicht mehr Teil einer kleinen Gruppe.

KI als Demokratisierer der Kunst

KI ist der große Demokratisierer. Ein Killer der Exklusivität. Was natürlich eine Lüge ist. Aber egal. Die Kunst war jedenfalls trotz (oder gerade wegen) all der ideologischen Vereinnahmungen immer undemokratisch. Schreiben, Malen und Musizieren schien nur den Talentierten (oder sehr Fleißigen) vorbehalten zu sein. Der dahinter stehende Geniegedanke ist ein historisches Konstrukt, aber wirkmächtig. Bis heute. Als Gegenbewegung zu den als seelenlos geltenden KI-Produkten erlebt der Mensch als (angeblich) kritisch-kreativer Geist eine Renaissance.

Der Satz „KI macht alles seelenlos“ ist der gleiche wie „Die Band war früher besser.“ Es ist der Ausdruck einer Kränkung, die die Entwertung der eigenen Fähigkeiten nicht wahrhaben will. Ob die KI wirklich alles seelenlos macht, ist (mir) im Grunde egal. Es ist nicht die Frage, die ich mir stelle. Meine Frage lautet vielmehr: Wie verändert KI unser Selbstbild? Welche Zuschreibungen nehmen wir vor? Und wie viel Lüge steckt in den Geschichten, die wir uns übers Menschsein im KI-Zeitalter erzählen?