Das Original weiß, dass es kopiert!
Es ist ein komischer Gedanke, aber ich glaube, die guten alten Plagiate sterben aus. KI hat die Kultur des heimlichen Abschreibens ebenso heimlich abgeschafft. Das klassische Plagiat ist abgeschrieben, sozusagen.
Die halbe Welt schreibt ihre Texte jetzt mit KI - und die andere Hälfte fahndet danach. Aber kaum jemand macht mehr Plagiate. Klar, warum auch?! Es ist viel leichter sich einen Text von der nächstbesten KI generieren zu lassen als einen Text irgendwo rauszukopieren oder - nicht auszudenken - ihn vielleicht sogar noch eigenhändig umzuschreiben.
Klar, auch das KI-generierte Textgematsche ist eine Form des Plagiats und wird auch so bezeichnet, aber es ist eine neue Form, eine, die sich vom klassischen Plagiat unterscheidet, qualitativ und - vor allem - quantitativ.
Dazu passt, dass zwar alle Welt über die KI-Texte forscht und berichtet, aber über die klassische Plagiat-Macherei wird im Zeitalter von KI-Texten kaum noch geschrieben.
Was eine britische Studie zeigt
Ich musste eine Weile suchen, um empirisch zumindest einigermaßen belastbares Material zu finden. Eine großangelegte Befragung britischer Universitäten vom Mai 2025 ergab folgendes Bild. Ich zitiere - übersetzt - aus dem "Guardian", der die Untersuchung durchgeführt hat.
"In den Jahren 2019-20, bevor generative KI weit verbreitet war, machten Plagiate fast zwei Drittel aller akademischen Verfehlungen aus. Während der Pandemie nahmen Plagiate zu, da viele Prüfungen online stattfanden. Mit der zunehmenden Verbreitung und Verbesserung von KI-Tools hat sich jedoch die Art des Betrugs verändert. Die Umfrage ergab, dass die bestätigten Fälle von traditionellen Plagiaten von 19 pro 1.000 Studenten auf 15,2 im Jahr 2023-24 zurückgegangen sind und nach ersten Zahlen aus diesem akademischen Jahr voraussichtlich auf etwa 8,5 pro 1.000 sinken werden."

Die Rettung der alten Plagiatskultur
Andererseits, vielleicht ist die Tatsache, dass sich kaum noch jemand im Plagiieren übt und auch fast niemand mehr drüber berichtet, weil alle panisch nach KI-Nutzung suchen (und die Plagiatsjäger nur über dahingeklatschten Politiker-Promotionen von anno dazumal hocken), vielleicht ist all das ja die Rettung der guten alten Kultur des Plagiierens. Ein plötzlicher Freiraum, in welchem die traditionelle Methode des Abschreibens aufs Neue erblühen kann?!
Ich weiß, man sollte das nicht romantisieren. Aber wenn so ziemlich jeder bekannte Schriftsteller - von Shakespeare über Goethe bis Brecht - die Kultur des Plagiats gepflegt hat, liegt die Romantik nunmal näher als die Empörung. Manche haben es heimlich getan, andere offen.
Wie Brecht, der den Vorwurf, er habe in seiner "Dreigroschenoper" von François Villon abgeschrieben, ins Leere laufen ließ, indem er erklärte: „Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! Ich selber hab mir was herausgenommen.“
In diesem Sinne: Frohes Plag(iier)en 😊


