Mit KI, aber ohne Kompass. Wie Studierende an Hochschulen bei der Recherche scheitern. Teil 6: Fazit. Was getan werden muss.
Eine Woche lang habe ich den Research Report „Zwischen Google Scholar und ChatGPT“ analysiert. Er zeigt, wie Studierende momentan recherchieren. Zeit für ein Fazit.

Die Lücke zwischen Problembewusstsein und Handlungskompetenz
Der Report selbst bringt es auf den Punkt: „Zwischen Problembewusstsein und Handlungskompetenz besteht […] eine Lücke.“ (S. 61) Und weiter: „Diese Lücke ist besonders relevant, weil generative KI zunehmend am Beginn des Rechercheprozesses eingesetzt wird. Fehler in dieser frühen Phase können die Auswahl von Quellen, die Eingrenzung eines Themas und die weitere Argumentation beeinflussen.“
Diese Lücke ist nur eine von vielen. Die Lücken betreffen nicht nur die Studis. Es braucht Aufklärung, Verbesserung und Veränderung auf verschiedenen Ebenen.
Methodisch: tiefer fragen und technisch messen
Der Research Report hat viele Fragen gestellt, aber sie gehen z. T. nicht tief genug. Es genügt nicht zu fragen, welches Tool genutzt wird, sondern auch wie. Nur so lässt sich der KI-Einsatz erforschen und daraufhin Aufklärungs- und Schulungsangebote entwickeln.
Zudem: Wir brauchen mehr technische Messungen der KI-Nutzung. Selbstauskünfte allein reichen nicht. Sie verzerren die Ergebnisse zu sehr und sagen zu wenig aus.
Institutionell: Lehrende und Bibliothekare schulen
Lehrende und Bibliothekare müssen die neue Recherche-Infrastruktur, die KI-Recherche-Tools und ihre Funktionsweisen kennen, um sie zu vermitteln. Dafür braucht es Train-the-Trainer-Formate. Und: KI-Recherche gehört ins Curriculum, nicht in freiwillige 90-Minuten-Kurse.
Tools: Spezialsysteme zur Norm machen
Mehr Geld in Spezialsysteme stecken. Wissenschaftliche KI-Recherche-Tools und KI-Assistenten in Fachdatenbanken müssen zur Norm werden. Dann lässt sich den Studis auch zeigen, dass es mehr und Besseres gibt als ChatGPT. Und wer ChatGPT nutzt, sollte lernen, wie man es mit wissenschaftlichen Quellen verbindet.
Klar, KI-Tools kosten. Aber Testlizenzen gibt’s z. T. kostenlos. Und im Datenbank-Portfolio steckt oft Spielraum. Einfach mal checken, welche Datenbanken in der Hochschule wirklich genutzt werden, und sie ggf. durch solche mit KI-Assistenten ersetzen. Die kosten extra, klar, aber wer die Studis erreichen und die Datenbanken genutzt wissen will, muss Prioritäten setzen.
Datenschutz: Prüfen statt reflexhaft ablehnen
Für all das braucht es Flexibilität und m. E. auch eine Umkehr der Begründungspflicht. Ein Datenschutz, der Tools reflexhaft ablehnt statt sie zu prüfen, hat seine Aufgabe verfehlt. Heißt: Wer ein Tool ablehnt, muss es begründen, und zwar innerhalb einer festen Frist.
Und sind wir doch mal ehrlich: 95 % der Studis und Dozenten nutzen ChatGPT schon jetzt ohne jede Prüfung. Wer immer gleich die Datenschutzkeule schwingt, schützt am Ende gar keine Daten. Er treibt die Leute nur weiter in die Schatten-KI.
Das neue Gebäude kennen und nutzen
Die Recherche-Infrastruktur wird gerade neu gebaut. Die Hochschulen können zwar nur bedingt selbst daran mitbauen, aber sie können dafür sorgen, dass Studierende und Lehrende das neue Gebäude umfassend kennen und nutzen.
Quellen
- Siegfried / Flieger: Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren (Research Report, Oktober 2026)
Mehr zum Thema auf meinem Blog
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 1: Die Studie und ihre wichtigsten Ergebnisse
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 2: Könige und Klickzahlen
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 3: Bibliotheken von gestern fürs Studium von morgen
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 4: „Fachdatenbanken? Brauch ich nicht. Ich hab Google Scholar!“
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 5: Such den Hasen!
- Vom Google-Dilemma zum KI-Dilemma? Sechs Thesen zur Recherche- und Informationskompetenz an Hochschulen im Angesicht von KI.


