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Texten heißt Weben, doch jetzt verweben sich Linien und Knoten. Über Recherche, Geschichte & Jacques Derrida.

6. Juni 2026 · 455 Wörter · Danny Walther

"Il n'y a pas de hors-texte" - "Es gibt kein Außerhalb des Textes", hat der Philosoph Jacques Derrida einst geschrieben, und wenn ich sehe, wie ich Prompts und Begriffe zum Zwecke der Recherche in die Tastatur hämmere, dünkt mich manchmal, er könne - abseits des dekonstruktivistischen Dadaismus - Recht gehabt haben. Ich tippe Text, bekomme als Antwort Text, tippe neuen Text. "Es gibt kein Außerhalb..."

Wenn Recherche zur Grafik wird

Gibt's natürlich doch. Ich erkläre es (mir) mal so: Seit einer Weile nutze ich wieder intensiver Google NotebookLM ( Link). Zur Analyse von Texten ist es ganz gut, aber für eine wiss. Recherche fand ich es wegen der Systemarchitektur nicht so geeignet. Aber vor ein paar Tagen habe ich angefangen, mit den Mindmaps, die Notebook aus seinen Quellen erzeugen kann, herumzuspielen und plötzlich ist nicht mehr alles nur Text, sondern wird zu interaktiven Grafiken, die mit einem Klick neue Ergebnisse liefern.

Wie? Ganz einfach: Wenn man in einer Mindmap auf einen Punkt oder einen Knoten klickt, startet Notebook automatisch eine neue Suche auf Basis der ausgewählten Quellen. Das war mir zwar bekannt, aber ich habe das nie groß genutzt, merke jetzt aber, wenn die Quellen, die Prompts und damit auch die Mindmaps gut sind, geben sie nicht nur einen "abschließenden" Überblick zu einem Thema, sondern sind auch der Beginn einer neuen Suche.

Was mich zu der Frage bringt, inwiefern Recherchen generell von grafischen Aufbereitungen profitieren können? Schließlich bieten immer mehr KI-Tools die Möglichkeit, Ergebnisse grafisch darzustellen. Bei scienceOS ( Link) kann ich z.B. nach einem Chat ein Flowchart, eine Timeline u.a. erzeugen. Das macht auf einen Klick bzw. Blick ganze Forschungsgeschichten sichtbar, zeigt mir, wie ein Thema strukturiert und wo ein Problem verortet ist.

Dazu gibt es die Möglichkeit, sich zeigen zu lassen, "how this paper is connected". Ein Klick und eine neue Forschungsgeschichte blättert sich auf: Grundlagen-Studien werden ebenso sichtbar und die Folgewirkungen eines Papers. Tools wie Connected Papers ( Link) treiben das noch weiter. Jedes Paper erscheint als Knoten in einem Netzwerk, dessen Gewicht, Farbe und Position voller Bedeutungen stecken und deren Linien thematische Nähen und Distanzen symbolisieren und Zeithorizonte sichtbar machen.

Connected-Papers-Graph zu Jacques Derrida: Le monolinguisme de l’autre (1996): Papers als Knoten, nach Erscheinungsjahr von 1967 bis 2019 eingefärbt, in mehreren thematischen Clustern.
Zum Vergrößern anklicken.

Derridas Linie: sichtbar machen, selbst unsichtbar bleiben

"Il donne tout à voir, mais il ne se voit pas", hat Derrida über die Linie gesagt. "Sie lässt alles sichtbar werden, bleibt selbst aber unsichtbar."

Ich bin mir nicht ganz sicher, was er damit meinte (falls das Meinen eines Autors überhaupt eine Bedeutung hat), aber es heißt wohl, dass die Linie die Bedingung dafür ist, dass überhaupt etwas erscheint, etwas, das nicht sie selbst ist. Sie erzeugt Sichtbarkeit durch Abgrenzung und Relation, verschwindet dabei aber in ihrem So-Sein.

Mit Blick auf die Verbindungslinien der Mindmaps und Paper stellt sich mir aber noch eine andere Frage: Was finde ich, wenn ich aufhöre, nur mit Worten zu suchen.