Die KI-Recherche hat ein Geisteswissenschaften-Problem - und wir sind Teil davon.
KI ist eine Bias-Maschine, das ist allgemein bekannt. Bei der wissenschaftlichen Recherche bzw. den dafür gebauten Tools wird das schnell klar.
Bücher? Werden von fast keinem Recherche-Tool erfasst.
Deutschsprachige Publikationen? Sind in den durchsuchten Korpora unterrepräsentiert.
Randständige Themen, wenig zitierte Arbeiten? Gehen oft unter.
Regionalia? Sind quasi nicht vorhanden.
Geisteswissenschaften? Gibt's die noch?
Kleiner Scherz. Aber Fakt ist, dass geisteswissenschaftliche Literatur in den Korpora, die die KI-Recherche-Tools anzapfen, nicht gerade häufig vorkommt.
Warum Geisteswissenschaften in KI-Tools unterrepräsentiert sind
Das hat Gründe:
- eine noch immer stark monografisch geprägte Fächerkultur
- traditionell mehr deutschsprachige Forschung als in anderen Disziplinen
- eine geringere Bedeutung von Zitationsmetriken
- viele regionale Forschungsschwerpunkte usw.
Dazu kommt noch ein hausgemachtes Problem: Viele geisteswissenschaftliche Wissenschaftsverlage und Plattformen standen (und stehen) KI eher kritisch gegenüber.
Die geringere Repräsentation in den Korpora der KI-Recherche-Tools war deshalb nicht nur ein Produkt der KI-Architektur und der Datenbanken, sondern lag auch an den Verlagen und Plattformen selbst.
Der Fall JSTOR: kein Zugang für externe KI-Tools
Wenn ich recht informiert bin (aber ich lasse mich da gern eines Besseren belehren), gewährt z.B. JSTOR, eine der größten Plattformen für geisteswissenschaftliche Texte und Bücher, den externen KI-Rechercheplattformen keinen Zugang zum JSTOR-Korpus. Heißt: Es gibt keine Kooperationen, wie sie andere Disziplinen und ihre Verlage bzw. Fachgesellschaften mit KI-Anbietern schließen. (Ich habe mehrfach am Beispiel von Consensus und Scite hier darüber berichtet.)
Aber es gibt noch einen weiteren Grund für die fehlende Verbindung von Geisteswissenschaften und KI. Es gibt zwar viele tolle Projekte von Wissenschaftlern, aber mit Blick aufs Thema KI-Recherche lese ich hier fast nie etwas über bzw. von den Geisteswissenschaften.
Dabei hat - um beim Beispiel zu bleiben - JSTOR seit 2025 einen eigenen KI-Assistenten. Er kann Fragen zu einem Dokument beantworten, relevante Passagen anzeigen und thematisch ähnliche Inhalte auf JSTOR empfehlen. Er funktioniert auch gut mit älteren Studien, denn bei vielen liegt inzwischen eine brauchbare OCR-Texterkennung vor.
Das Schöne aber ist: Verglichen mit anderen Datenbanken hat JSTOR nicht nur Bücher, sondern auch viel Deutschsprachiges im Programm. Sogar regionalwissenschaftliche Forschung findet sich in größerem Umfang (siehe Bild).

Wer nutzt JSTOR und seine KI überhaupt noch?
Aber wer nutzt Datenbanken wie JSTOR und ihre KI?
Bevor KI den Zugang zu Wissen radikal veränderte, waren die Abrufzahlen zumindest an einigen Hochschulen ganz okay. Aber jetzt scheinen ChatGPT und Co. alles zu kannibalisieren. Es braucht deshalb Gegenmaßnahmen. Mehr Infos über solche Angebote wären wichtig, genau wie Tests und Praxisberichte. Aber die fehlen.
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Teil der Bias-Maschine werden!


