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Mit KI, aber ohne Kompass. Wie Studierende an Hochschulen bei der Recherche scheitern. Teil 3: Bibliotheken von gestern fürs Studium von morgen.

4. Oktober 2026 · 650 Wörter · Danny Walther

Ich arbeite mich durch den Research Report „Zwischen Google Scholar und ChatGPT“ und ordne die Ergebnisse in einen größeren Kontext sowie meine Praxiserfahrungen und Forschungen ein. Ziel ist es, möglichst allgemeingültige Aussagen zum Rechercheverhalten von Studierenden zu finden und einen kritischen Blick auf die Informationskompetenz an Hochschulen zu werfen.

Müsste ich Teil 3 zusammenfassen, würde ich sagen:

Die Studis scheitern an den Bibliotheken.

Und die Bibliotheken scheitern an den Studis.

Ich will das erklären.

Bibliothekskataloge: schönere Zahlen, als die Realität hergibt

Im Research Report wirkt es zunächst anders: 58 % nutzen Bibliothekskataloge manchmal oder oft. Heißt aber: über 40% nutzen sie nur selten oder gar nicht. Und: nur für 18% sind Kataloge die erste Anlaufstelle.

In Wahrheit sind die Nutzerzahlen noch niedriger, denn offenbar sind Studis „mit einer ausgeprägten Bibliotheks- oder Rechercheorientierung in der Stichprobe stärker vertreten“. (S. 16)

Zudem verzerren sozial erwünschte Antworten die Bibliotheksnutzung. Meine Vermutung, die von anderen Daten bestätigt wird: die Mehrzahl (ich schätze 2/3) der Studis nutzt Bibliothekskataloge gar nicht mehr oder nur noch sporadisch. ChatGPT und Google dominieren.

Zwei Tabellen aus dem Research Report „Zwischen Google Scholar und ChatGPT“. Links Tabelle 2, Orte und Wege der Literaturrecherche (n=802): Google und Google Scholar 91,3 % manchmal oder oft, Chatbots wie ChatGPT 64,7 %, Bibliothekskataloge 58,4 %, spezielle Fachdatenbanken 41,0 %. Rechts Tabelle 1, Schulungsbedarfe beim wissenschaftlichen Arbeiten mit Fachliteratur (n=908): am wichtigsten sind richtiges Zitieren und Plagiate (67,3 % sehr wichtig) sowie vertrauenswürdige Quellen identifizieren (64,3 %); Anleitungen für den Einsatz von KI bei der Literatursuche halten 49,7 % für sehr wichtig.
Links: Orte und Wege der Literaturrecherche (Tabelle 2, n=802). Rechts: Schulungsbedarfe beim wissenschaftlichen Arbeiten mit Fachliteratur (Tabelle 1, n=908). Angaben in Prozent. Zum Vergrößern anklicken.

Was ich als Bibliotheksleiter jetzt tun würde

Wäre ich Bibliotheksleiter, würde ich jetzt handeln und Folgendes tun:

1.) Den OPAC mit einem KI-Layer versehen

Ungefähr so, wie es alphaXiv mit arXiv macht. Das hat zwei Vorteile:

1a) Die Bestände können in natürlicher Sprache durchsucht werden. Das holt die Studis rein.

1b) In KI-Systemen sind Studien, englischsprachige Literatur, global ausgerichtete Forschung und Open Access überrepräsentiert. Bibliothekskataloge sind ein Korrektiv dazu, denn sie verzeichnen viele Bücher, Deutschsprachiges, regionale Forschung und kommen durch Lizenzen hinter die Paywalls. Das holt die Bias raus, mehr Literatur rein und noch mehr Studis in die Bib.

Deshalb: Schluss mit dem akademisch-theoretischen Gelaber über Bias in KI-Systemen, das bringt nichts. Wer wirklich was dagegen tun will, aktiviert die Bibliothekskataloge. Und zwar mit KI!

2.) Personal KI-fit machen

Bibliotheken müssen massiv in Train-the-Trainer-Formate investieren, damit die Bibliothekare von den Studis (und Dozenten!) als KI-Recherche-Experten wahrgenommen werden. Da es solche an den Hochschulen bisher kaum gibt, können die Bibliotheken verloren gegangene Bedeutung zurückgewinnen. Aktuell fragt nämlich niemand Bibliothekare bei KI um Rat. (Siehe die Zahlen aus den USA weiter unten.)

3.) Neue Schulungen und Schulungsmaterialien entwickeln

Der Research Report greift hier zu kurz. Was er (Tabelle rechts) abfragt, sind bis auf eine Frage Themen aus der Vor-KI-Zeit.

Was Schulungen heute leisten müssen, fehlt: Lizenzen für KI-Tools, KI-Assistenten in Fachdatenbanken, Plugins zu ChatGPT, Ergebnisse auf Halluzinationen prüfen. Wer das anbietet, bekommt die Studis. Alle anderen - nicht.

Ein Blick in die USA: nur 1 % fragen Bibliothekare

Wie ernst die Lage für die Bibliotheken ist, zeigen aktuelle Daten aus den USA, z. B. hier: „Only 10% begin at their institution’s library website or database. Just 1% ask a librarian.“

Quellen

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