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Mit KI, aber ohne Kompass. Wie Studierende an deutschen Hochschulen bei der Recherche scheitern. (Teil 1)

1. Oktober 2026 · 595 Wörter · Danny Walther

Auf LinkedIn läuft es mit Studien meist so: Titel nennen, eine Zahl zitieren, zwei Sätze dazu, fertig ist der Lack. Die Methodik schafft es nur selten in den Beitrag, die Schlussfolgerung dafür mühelos über die Grenzen der Studie hinaus.
„Overclaiming? Kenn ich nich!"

Ob die Studie überhaupt gelesen wurde, bleibt offen. Wichtig ist, dass sie zur eigenen Meinung passt. Morgen geht's weiter mit dem nächsten Paper. „Wird ja so viel geschrieben..."

Ich mache das mal anders. Ich nehme mir eine Studie vor, gehe sie Schritt für Schritt durch und ordne sie ein. Weil Informationen ihren Wert nur im Kontext anderer Informationen erhalten.

Die Studie: „Zwischen Google Scholar und ChatGPT" (ZBW)

Für mein Experiment habe ich mir einen aktuellen Research Report rausgesucht: Doreen Siegfried / Lisa Flieger: Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren. Die empirische Studie entstand im ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft / ZBW – Leibniz Information Centre for Economics

Titelseite des ZBW-Research-Reports „Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren
Titelseite des Research Reports von Doreen Siegfried und Lisa Flieger (ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft).

Warum gerade diese Studie? Weil es, soweit ich das sehe, in Deutschland keine gibt, die so tief reingeht. Große Studien fragen oft nur allgemeine Nutzungszwecke ab. Andere, die tiefer gehen, beruhen meist nur auf ein paar Dutzend Teilnehmern oder einer einzigen Hochschule.

908 Studierende aus allen Hochschularten befragt

Hier ist das anders: 908 Teilnehmer der „Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und anderen wirtschaftswissenschaftlichen Fächern an Universitäten, an staatlichen Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, an privaten (Fach-)Hochschulen und sonstigen Hochschulen wie Fernhochschulen oder Dualen Hochschulen." (S. 4)

Die wichtigsten Ergebnisse: Google, ChatGPT und kaum Fachdatenbanken

Die wichtigsten (und erwartbar erschreckenden) Ergebnisse vorab:

  • bei der Recherche dominieren Google, Google Scholar & ChatGPT
  • über 40% der Studis nutzen ihre Bibliothekskataloge selten oder gar nicht
  • fast 60% greifen für die Recherche kaum oder nie auf Fachdatenbanken zurück
  • ein Drittel kennt die grundlegenden Datenbanken und Preprint-Server ihres Faches nicht mal
  • spezialisierte KI-Recherche-Tools sind 80% der Studis unbekannt
  • 92% fürchten Halluzinationen, aber: „Wer weiß, dass Chatbots halluzinieren können, verfügt nicht automatisch über eine belastbare Strategie zur Prüfung von Literaturhinweisen oder fachlichen Aussagen. Zwischen Problembewusstsein und Handlungskompetenz besteht daher eine Lücke." (S. 61)

Wie es weitergeht: Einordnung in den größeren Kontext

Wie diese und andere Lücken aussehen, werde ich ab morgen beleuchten & die Ergebnisse in einen größeren Kontext einordnen. Dafür dienen mir - neben meinen Praxiserfahrungen - zahlreiche empirische Daten, die ich in meinem Blog und meinem Paper „Vom Google-Dilemma zum KI-Dilemma? Sechs Thesen zur Recherche- und Informationskompetenz an Hochschulen im Angesicht von KI" zusammengetragen habe.

Ich bin gespannt, wie ihr mein kleines Experiment findet.

Quellen

Mehr zum Thema auf meinem Blog